Perfektionismus begegnet mir im Coaching häufig bei Menschen, die beruflich viel Verantwortung tragen und einen hohen Anspruch an ihre Arbeit haben. Gerade in Medizin und Zahnmedizin ist das zunächst wenig überraschend. Sorgfalt, Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft, genau hinzuschauen, sind hier keine Nebensache. Sie gehören zur Professionalität. Gerade deshalb ist Perfektionismus nicht immer leicht zu erkennen. Viele Verhaltensweisen, die später viel Energie zehren und in ein Burnout führen können, sehen von aussen zunächst genauso aus wie eine fachlich wertvolle Stärke.
Der Unterschied zeigt sich oft erst dort, wo der eigene Anspruch starr wird und seine Flexibilität verliert. Wo gute Arbeit nicht mehr ohne Weiteres «gut genug» sein darf und die Aufmerksamkeit fast automatisch zu dem wandert, was noch besser sein könnte. Du überarbeitest etwas, obwohl es längst gut ist. Du bereitest dich weiter vor, obwohl du fachlich vorbereitet bist. Nach einer gelungenen Arbeit fällt dir als Erstes die Stelle auf, die noch besser hätte sein können.

Auch im Umgang mit Fehlern verändert sich etwas. Dann bleibt es nicht bei der sachlichen Reflexion: Was kann ich daraus lernen? Sehr schnell schiebt sich eine zweite, kritisierende Ebene dazu: Das hätte mir nicht passieren dürfen. Damit verändert sich die Bedeutung der Situation. Es geht nicht mehr nur darum, was passiert ist und was du daraus lernen kannst. Der eigene Anspruch beginnt, sich mit der Bewertung der eigenen Person zu verbinden.
Genau hier ist die Unterscheidung wichtig: Ein hoher Anspruch ist nicht dasselbe wie ein Anspruch, dessen Nichterfüllung unmittelbar etwas darüber aussagt, wie kompetent, verlässlich oder gut genug du bist.

Was die Forschung über hohe Standards und Perfektionismus zeigt

Die Forschung unterscheidet deshalb zwischen zwei Seiten des Perfektionismus: dem Streben nach sehr hohen Standards (perfectionistic strivings) und den selbstkritischen Sorgen rund um Fehler, Zweifel und Bewertung (perfectionistic concerns). Beides kann gemeinsam auftreten, ist aber nicht dasselbe.
Vor allem diese selbstkritische und besorgnisbezogene Seite steht relativ konsistent mit psychischer Belastung in Zusammenhang. Eine grosse Meta-Analyse mit mehr als 100’000 Erwachsenen fand für perfectionistic concerns deutlich stärkere Zusammenhänge mit Angst-, Depressions- und Zwangssymptomen als für das Streben nach hohen Standards. Beim Streben selbst ist das Bild gemischter: Hohe Standards können mit Gewissenhaftigkeit und Leistungsorientierung einhergehen. Das macht sie nicht automatisch gesund, aber eben auch nicht automatisch problematisch.

Am deutlichsten zeigt sich dieser Unterschied nicht in der Theorie, sondern in einem ganz bestimmten Moment: Dort, wo tatsächlich etwas schiefgeht. Bleibt ein Fehler zunächst das, was er ist: eine Information darüber, dass etwas nicht optimal gelaufen ist und du vielleicht etwas daraus lernen kannst? Oder bekommt er sehr schnell eine zusätzliche Bedeutung? Wie konnte mir das passieren? Das hätte ich besser machen müssen. Was sagt das über meine Kompetenz aus?

Was dieser Anspruch für dich geleistet hat

Wenn ein Fehler nicht nur etwas darüber aussagt, wie eine konkrete Situation gelaufen ist, sondern sehr schnell die eigene Kompetenz infrage stellt, wird verständlicher, warum es so schwer sein kann, den eigenen Anspruch einfach herunterzuschrauben. Denn dieser Anspruch hat häufig nicht nur einen Preis. Er hat auch etwas geleistet.

Gerade in Medizin und Zahnmedizin ist es sehr sinnvoll, sich gründlich vorzubereiten, mögliche Komplikationen vorauszudenken und die eigene Arbeit kritisch zu überprüfen. Wer gewissenhaft arbeitet, zuverlässig ist und hohe Standards erfüllt, macht damit häufig gute Erfahrungen: Die eigene Sorgfalt trägt zu guten Ergebnissen bei, andere verlassen sich auf einen, und genau diese Art zu arbeiten wird bestätigt. Deshalb greift es zu kurz, Perfektionismus einfach als «zu hohe Ansprüche» zu behandeln. Die Lösung kann nicht darin bestehen, weniger genau, weniger ehrgeizig oder weniger gewissenhaft zu werden.

Entscheidender ist, ob dieser Anspruch in einer konkreten Situation noch der Sache dient und ob du noch frei entscheiden kannst, wie viel davon tatsächlich notwendig ist. Weitere Vorbereitung bringt kaum noch einen fachlichen Gewinn. Die nächste Verbesserung verändert das Ergebnis kaum. Trotzdem fühlt es sich schwierig an, aufzuhören oder etwas als gut genug stehen zu lassen.

An dieser Stelle erfüllt das Perfektmachen nicht mehr nur eine fachliche Funktion. Es hilft auch, Unsicherheit zu reduzieren: die Möglichkeit eines Fehlers, Selbstzweifel oder die Sorge, den eigenen Erwartungen nicht gerecht zu werden. Und bei manchen Menschen geht es noch eine Ebene tiefer. Dann berührt ein Fehler nicht nur die Arbeit, sondern das eigene Selbstbild: Was sagt es über mich aus, wenn ich etwas nicht perfekt mache? Es geht nicht mehr nur um die Frage, ob eine Arbeit gut genug war. Sondern darum, ob du dich weiterhin als kompetent, verlässlich oder gut genug erlebst.

Genau solche inneren Schlussfolgerungen können ein perfektionistisches Muster sehr stabil machen. Solange ein Teil deiner Sicherheit daran hängt, alles richtig zu machen, ist «einfach lockerer werden» keine besonders überzeugende Alternative. Deshalb interessiert mich im Coaching nicht nur: Was wird für dich schwieriger, wenn du es einmal nicht perfekt machst? Sondern auch: Was glaubst du über dich, wenn du etwas nicht perfekt machst? Und welches neue Selbstverständnis würde dir erlauben, auch dann sicher in dir zu bleiben, wenn etwas nicht perfekt läuft?

Entwicklung bedeutet an dieser Stelle nicht, die eigene Sorgfalt oder den hohen Anspruch loszuwerden. Es geht darum, das Muster und die Schlussfolgerungen dahinter so gut zu erkennen, dass sie nicht mehr automatisch bestimmen, wie du dich selbst bewertest. Damit gewinnst du mehr Freiheit darin, wie du mit deinen eigenen Ansprüchen umgehst.

Wie sich dieses Muster im Alltag zeigt

Perfektionismus zeigt sich im Alltag nicht immer dort, wo man ihn zunächst vermuten würde. Neben sehr gründlichem Arbeiten oder dem Wunsch, ein Ergebnis immer weiter zu verbessern, kann auch Aufschieben dazugehören. Natürlich ist nicht jedes Aufschieben perfektionistisch motiviert. Ein sehr hoher eigener Anspruch kann den Einstieg in eine Aufgabe deutlich erschweren. Je klarer die Vorstellung davon ist, wie gut das Ergebnis werden sollte, desto grösser wird die Hürde, überhaupt anzufangen. Aus einer überschaubaren Aufgabe wird innerlich etwas, dem man erst gerecht werden muss. In solchen Fällen liegt das Aufschieben nicht an fehlender Motivation. Gerade weil das Ergebnis wichtig ist und der eigene Anspruch hoch, wird der erste Schritt so viel schwieriger.

Ein ähnliches Muster zeigt sich am anderen Ende einer Aufgabe: beim Abschliessen. Etwas ist eigentlich «fertig», und trotzdem findet sich noch eine Formulierung, die besser sein könnte, ein Detail, das sich optimieren liesse oder eine letzte Kontrolle, die man noch machen könnte. Natürlich spricht nichts dagegen, ein gutes Ergebnis weiter zu verbessern. Der Punkt, an dem es kippt: wenn der zusätzliche Aufwand kaum noch etwas zur Qualität beiträgt, aber das Aufhören trotzdem schwerfällt. Gerade dieser Moment ist im Coaching oft aufschlussreich: Woran erkennst du für dich, dass etwas gut genug ist und abgeschlossen werden darf?

Auch der Umgang mit dem, was gelingt, erzählt etwas über den eigenen Anspruch. Viele leistungsorientierte Menschen erreichen viel, lassen dieses Gelingen aber erstaunlich wenig in ihr Selbstbild einfliessen. Ein anspruchsvolles Praxisprojekt ist geschafft, eine schwierige Behandlung gut verlaufen, ein Problem souverän gelöst. Und kurze Zeit später gilt es bereits als selbstverständlich. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf das nächste Ziel oder auf den Teil, der noch besser hätte sein können. So entsteht eine Schieflage: Die eigenen Standards entwickeln sich weiter, während die Erfahrungen, die eindeutig für die eigene Kompetenz sprechen, nicht annähernd dasselbe Gewicht bekommen.

Das Problem ist nicht das Nachdenken an sich. Gerade in Gesundheitsberufen ist es sinnvoll, die eigene Arbeit zu reflektieren. Entscheidend ist, ob dieses Denken noch zu etwas führt: Entsteht daraus eine Erkenntnis, eine Entscheidung oder eine konkrete Konsequenz? Oder kreisen die Gedanken immer wieder um dieselben Fragen, ohne dass neue Informationen dazukommen? Dann löst das Denken nichts mehr. Es kostet vor allem Energie.

Was sich öffnet, wenn du aufhörst, dich zu beweisen

Die naheliegende Idee wäre: Dann musst du eben weniger wollen. Doch genau darum geht es nicht. Wer in einem verantwortungsvollen Beruf arbeitet, soll nicht aufhören müssen, es genau zu nehmen.
Was sich verändert, ist etwas anderes: Gute Arbeit muss nicht mehr gleichzeitig beweisen, dass du kompetent, verlässlich oder gut genug bist. Du kannst eine Aufgabe anfangen, obwohl noch nicht jedes Detail geklärt ist. Du kannst etwas abschliessen, obwohl du noch eine Kleinigkeit verbessern könntest. Und ein gelungenes Ergebnis darf tatsächlich etwas über deine Kompetenz aussagen – nicht immer nur der Fehler oder das nächste Ziel.Du wirst dadurch nicht weniger anspruchsvoll. Du gewinnst die Freiheit zurück, deinen Anspruch einzusetzen, statt ihm folgen zu müssen.

Wo Coaching ansetzt

Vielleicht war «Perfektionismus» bisher gar nicht das Wort für das, was dich so auslaugt. Vielleicht kennst du eher diese Sätze: Ich komme innerlich nicht mehr richtig zur Ruhe. Ich zweifle öfter an mir, als ich anderen gegenüber zugebe. Oder: Ich komme einfach nicht so voran, wie ich eigentlich will.
Genau an solchen Punkten setze ich im Coaching an. Nicht mit dem Ziel, deinen Anspruch kleiner zu machen. Sondern um zu verstehen, was dich innerlich bindet und dir wieder mehr Wahlmöglichkeiten darin zu geben, wie du mit deinen Ansprüchen, Fehlern und deiner eigenen Leistung umgehst.
Wenn dich das gerade anspricht, freue ich mich, dich kennenzulernen.