„Ich habe ein ganzes Wochenende nichts gemacht und bin trotzdem erschöpft in die Praxis zurückgekehrt.” Das hat mir ein Coachee gesagt, der eigentlich alles richtig gemacht hatte: Er hatte sich Zeit genommen, geschlafen, bewusst nichts eingeplant. Und trotzdem war die ersehnte Erholung nicht eingetroffen. So klar hat er es nicht ausgesprochen, aber die Frage dahinter kenne ich aus vielen anderen Gesprächen: Ob mit einem selbst etwas nicht stimmt. Nicht immer, aber manchmal steckt tatsächlich die falsche Art von Erholung dahinter. Erschöpfung hat meist mehrere Ursachen. Doch schon die richtige Art von Erholung kann einen Beitrag dazu leisten, deine Batterien und deine Lebensfreude wieder aufzufüllen und neue Freude an deinem Beruf zu entdecken.
Ausruhen ist nicht dasselbe wie Erholung, auch wenn beides nah beieinander liegt. Du kannst körperlich vollkommen still liegen und dabei mental, emotional oder sensorisch weiterlaufen wie zuvor. Wie ein Motor, der im Leerlauf trotzdem heiss bleibt. Genau diese Unterscheidung hat die amerikanische Internistin Dr. Saundra Dalton-Smith aus ihrer Arbeit mit chronisch erschöpften Patient:innen abgeleitet. Ihr Modell der sieben Erholungsarten zeigt: Erschöpfung hat selten nur eine Ursache und Erholung deshalb selten nur eine Form. Genau das macht dieses Modell für viele so aufschlussreich: Es zeigt, welche der sieben Formen bei dir gerade zu kurz kommt.
Besonders wenn du viel Verantwortung trägst – in der eigenen Praxis, im Unternehmen, in der Führung eines Teams – zeigt sich das deutlich. Du bist es gewohnt, Erschöpfung mit Willenskraft zu kompensieren. Genau diese Fähigkeit hat dich oft weit gebracht. Nur bringt dich das hier nicht weiter: Was jetzt fehlt, ist keine Frage von mehr Anstrengung, sondern von der richtigen Art Pause.
1. Körperliche Erholung – mehr als nur Schlaf
Die naheliegendste Form, aber nicht die einzige. Körperliche Erholung heisst nicht nur Schlaf allein, obwohl dieser besonders wichtig ist. Neben dieser Art passiver Erholung sind auch aktive Formen wie Dehnen, tiefes Atmen oder eine Massage hilfreich. Wer stundenlang in angespannter Haltung arbeitet – am Behandlungsstuhl, am Schreibtisch, im Gespräch mit Mitarbeitenden – sammelt eine körperliche Anspannung an, die acht Stunden Schlaf allein nicht auflöst. Bei vielen sitzt diese Anspannung längst in Schultern und Nacken fest. Sie baut sich nicht mehr ab, auch nicht am Wochenende, auch nicht in den Ferien.
2. Mentale Erholung – wenn der Kopf nicht abschaltet
Du kannst im Liegestuhl liegen und trotzdem gedanklich die nächste Teamsitzung durchgehen. Oder du stehst wie einer meiner Coachees vor dem schiefen Turm von Pisa und denkst nur noch an die Patientin mit den Komplikationen. Mentale Erholung bedeutet, dem ständigen Bewerten, Befürchten, Planen und Organisieren bewusst eine Pause zu geben. Etwa, indem du Gedanken aufschreibst, anstatt sie im Kopf weiterzuwälzen. Wenn du viel Verantwortung trägst, unterschätzt du wahrscheinlich, wie viel mentale Energie das permanente Im-Kopf-Behalten kostet, selbst wenn äusserlich Ruhe herrscht. Ein typisches Zeichen: Du liest ein Buch in den Ferien. Doch nach zwei Seiten merkst du, dass du gar nicht weisst, was du gerade gelesen hast, weil im Hintergrund längst wieder eine andere Geschichte lief.
3. Emotionale Erholung – aufhören, stark sein zu müssen
Diese Form fehlt dir vermutlich am ehesten, wenn du in einer heilenden und/oder führenden Rolle arbeitest. Emotionale Erholung bedeutet, echte Gefühle zeigen zu dürfen, ohne für andere die gefasste, kompetente Fassade aufrechtzuhalten. Wenn du beruflich ständig „alles im Griff hast”, brauchst du unbedingt Räume, in denen das nicht gefordert ist. Sonst wird Freundlichkeit zur Selbstverleugnung und zur Missachtung deiner eigenen Bedürfnisse. Oft zeigt sich das dann erst im privaten Umfeld: Ausgerechnet bei den Menschen, die dir am nächsten stehen, an denen dir am meisten liegt, reagierst du am dünnhäutigsten. Nicht, weil sie dich am meisten belasten, sondern weil sie die Einzigen sind, bei denen diese Fassade überhaupt fallen darf.
4. Soziale Erholung – nicht jede Beziehung erholt gleich
Manche Kontakte füllen dich auf, andere kosten Energie – selbst wenn sie liebevoll gemeint sind. Soziale Erholung bedeutet, bewusst zwischen Beziehungen zu unterscheiden, in denen du gibst, und solchen, in denen du einfach sein kannst und dir die Erlaubnis gibst, auch mal zu empfangen. Wenn du beruflich viel gibst – an Patient:innen, Mitarbeitende, Familie – brauchst du gezielt auch Kontakte zu Menschen, die nichts von dir wollen. Auch ein volles Wochenende mit Familie und Freunden kann deshalb erschöpfender sein als ein stiller Nachmittag allein, obwohl beides unter die Kategorie „sozial sein” fällt.
5. Sensorische Erholung – der Reizpegel, der nie runtergeht
Geräusche, Gerüche, Gespräche, Bildschirme, Benachrichtigungen – der moderne Arbeitsalltag ist ein massiver Dauerreiz für die Sinne. Sensorische Erholung heisst, diesen Pegel aktiv zu senken: Augen schliessen, Stille suchen, das Smartphone für eine Weile wirklich weglegen. Wenn du ständig direkten Kontakt zu Menschen hast, ist dieser Reizpegel für dich oft unglaublich hoch und längst so normal geworden, dass du ihn kaum noch wahrnimmst. Du realisierst es meist erst dann, wenn er für einen Moment wegfällt und die Stille dir ungewohnt vorkommt.
6. Kreative Erholung – der Rohstoff für neue, kreative Lösungen
Wenn du beruflich laufend Probleme löst, Entscheidungen triffst oder etwas gestaltest, brauchst du auch neuen Input: Natur, Kunst, Musik, einen Moment echter Verwunderung. Kreative Erholung füllt genau den Brunnen wieder auf, aus dem deine Ideen und Lösungen überhaupt erst entstehen, und der sich ein Stück weit von selbst nachfüllt. Fehlt dir dieser Input, greifst du zunehmend auf dieselben alten Lösungen zurück, auch wenn sie für ein neues Problem gar nicht mehr passen, einfach weil keine frischen Ansätze mehr nachkommen. Genau das meinte Albert Einstein, als er sagte:
«Wir können die grossen Probleme, vor denen wir stehen, nicht mit demselben Denken lösen, mit dem wir sie erschaffen haben.»
7. Spirituelle Erholung – Teil von etwas Grösserem sein
Das ist nicht zwingend religiös gemeint: Spirituelle Erholung ist das Gefühl, Teil von etwas zu sein, das grösser ist als du selbst – ein Sinnzusammenhang, der weit über deinen Alltag, deine Praxis, sogar über dein eigenes Leben hinausreicht. Diese Art von Erholung entsteht dort, wo du Zugehörigkeit, Werte und Sinn tatsächlich spürst. Und sie fehlt dir, wenn dein Alltag nur noch aus mechanischem Abarbeiten besteht, egal wie erfolgreich das nach aussen aussieht.
Welche Art von Ruhe fehlt dir?
Welche Art von Erholung fehlt dir gerade? Und vor allem: Was hindert dich daran, sie dir zu nehmen?
Die meisten wissen längst, dass sie mehr Schlaf, mehr Pausen, mehr echte Ruhe bräuchten. Was fehlt, ist die innere Erlaubnis.
Dahinter stehen oft dieselben Muster: die Überzeugung, dass eine Pause erst verdient ist, wenn wirklich alles erledigt ist – was in Praxis, Team oder Familie so gut wie nie der Fall ist. Die Sorge, dass ohne dich etwas liegen bleibt, das am Ende negativ auf dich zurückfällt. Oder die über Jahre eingeübte Gewohnheit, Anspannung gar nicht mehr als solche wahrzunehmen, weil sie längst dein Grundzustand geworden ist.
Der Behandlungsstuhl, das Mitarbeitergespräch, die volle Agenda – das alles kostet Kraft. Am meisten aber kosten die Muster, die du dabei kaum bemerkst: die Sorge, die Kontrolle, die Angst, nicht gut genug zu sein, allein alles tragen zu müssen und nicht genügend Unterstützung zu haben.
Wenn du merkst, dass dich diese Art zu leben zunehmend Kraft kostet und du etwas verändern willst, lohnt sich ein genauerer Blick darauf, was wirklich dahintersteckt. In einem unverbindlichen Kennenlerngespräch schauen wir uns das gemeinsam an.
